Wie lange wartest Du noch auf Dein Glück?

Ich fahre mit dem Zug nach Duisburg. Am Tisch mir gegenüber sitzt ein älterer Herr. Vielleicht Mitte 70.

Wir kommen ins Gespräch.

Klaus kommt aus einer kleinen Ortschaft in der Nähe meiner Heimatstadt Bietigheim. Wir lachen, sprechen darüber, wie klein die Welt doch ist und genießen die Fahrt. Ich erzähle, dass ich Coachings gebe. Männern helfe, ein besseres Gefühl für sich zu bekommen. Ihre Schüchternheit zu überwinden. Ihrem Gefühl, ihrem Lebensgeist zu folgen. Glücklich zu sein.

Er erzählt von seiner Zeit als Auszubildender. Seiner Karriere als Bereichs- und Abteilungsleiter bei einem Automobilzulieferer. Wir tauen mehr und mehr auf. Schließlich kommt das Gespräch auf sein Leben. Was er heute macht, wie er es gelebt hat und wie er mit seinen 75 Jahren darauf zurück blickt.

Er spricht davon, wie er immer Kinder haben wollte. Seine Frau leider nicht. Wie er jahrelang in einer kalten Ehe lebte, obwohl die Liebe schon lange tot war. Wie seine Frau und er eher wie Geschwister, als wie eine Ehepaar lebten. Wie er flüchtete, in seine Arbeit. Karriere machte. Zwölf, dreizehn Stunden am Tag. Sport. Mehrmals die Woche. Radfahren, Joggen. Von und zur Arbeit. Wie er reiste. Durch ganz Europa. Vom Nordkap bis Marokko, von Island bis in den Osten der Ukraine. Er spricht von Wohnmobilen, von Lebensentscheidungen, von Einsamkeit, Liebe, Geborgenheit und Flucht ins Nebensächliche.

Und er spricht über seine Freundin.
Seine Augen leuchten dabei.

Klaus, Rentner, Mitte 70, hat nun eine Freundin.

Sie lebt in Essen. Leider viel zu weit entfernt vom Schwabenland.
Er erzählt davon, wie sie ihn vom Bahnhof abholen wird. Wie sie ihn in ihre Arme schließen wird. Wie er sich, nach Jahrzehnten der Kälte, endlich geborgen fühlen wird. Wie seine Freundin für ihn kochen wird. Er hält das für nicht nötig, wird aber natürlich trotzdem kräftig essen. Wie sie zusammen wandern gehen werden und ins Theater. Wie sie ihn zu Silvester ein geladen hat. In ein schickes Restaurant. Wie er genießt, nicht mehr alleine zu sein. Wärme, Geborgenheit, Liebe zu spüren.

Er erzählt davon, wie sie ihn vom Bahnhof abholen wird. Wie sie ihn in ihre Arme schließen wird. Wie er genießt, nicht mehr alleine zu sein. Wärme, Geborgenheit, Liebe zu spüren.

All das, was er jahrelang vermisst hatte.

„Ich bin so glücklich. Ich möchte es in die Welt hinaus schreien. Ich möchte, dass es jeder erfährt.“ Seine Augen leuchten dabei.

Wir sprechen darüber, wie seine Frau zu Hause im Schwabenland lebt. Sie weiß von allem und sie haben sich arrangiert. Sie leben in dem selben Haus. Er oben, sie unten. Er spricht davon, wie er sie beim Weinfest in seiner Jugend kennen gelernt hat. Wie sie ausgegangen sind. Wie sie heirateten.
Wie er damals schon spürte: Das passt nicht ganz. Dieses Gefühl aber heute erst deuten kann. Heute erst mit Bestimmtheit wirklich seine Gefühle begreifen kann.
„Ich kann meiner Frau wirklich nichts vorwerfen. Sie ist ein wirklich guter Mensch. Nur wenn man zwei Menschen, die so unterschiedlich sind, zusammen steckt… naja…“ und winkt ab.

Er spricht davon, wie er vor Jahrzehnten schon bei einer Eheberatung war. Er wollte. Seine Frau nicht. Er erzählt, wie sie nebeneinander beim Psychologen auf der Couch saßen. Er von der Ehe berichtete und seine Frau einfach schwieg. Wie er von Problemen berichtete und seine Frau einfach schwieg. Wie ihn das belastete. Wie die Psychologen irgendwann meinten: „Also mit ihnen können wir arbeiten, aber mit ihrer Frau… die spricht einfach nicht.“

Er berichtet davon, wie er schon immer Kinder haben wollte. Wie das für ihn das Natürlichste der Welt ist. Niemals daran gezweifelt hat, einmal Kinder zu haben. Niemals auf den Gedanken kam, dass jemand der heiratet, keine Kinder möchte. Wie er erst so wirklich mit seiner Frau sprach, als er 40 war und sie sich sterilisieren lassen wollte.
Wie er heute kinderlos ist. Das nun mal so sei.

Er berichtet davon, wie er schon immer Kinder haben wollte. Und wie er erst so wirklich mit seiner Frau sprach, als er 40 war und sie sich sterilisieren lassen wollte.

Er spricht davon, wie er jahrelang nicht auf sich selbst gehört hat. Er jahrelang nicht den Mut gefunden hat, einen Schlussstrich zu ziehen. Für sich ein zu stehen.
„Weißt Du. Ich war einfach noch nicht so weit. Ich war menschlich einfach noch nicht reif genug. Ich konnte gar nicht begreifen, was da passiert. Ich bin lieber geflüchtet. Arbeit. Karriere. Reisen.“

Er spricht wieder von seiner Freundin. Wie sie schon lange Jahre eine Freundin der Familie war. Wie sie beide nach dem Tod ihres Mannes zueinander gefunden haben. Jedes Mal, wenn er von seiner Freundin erzählt, liegt ein Lachen auf seinem Gesicht. Ein Glitzern in den Augen und ein schelmisches, fast jungenhaftes Grinsen um den Mund. Es ist eine Freude, ihn so zu sehen. Diese Energie zu spüren.

 Jedes Mal, wenn er von seiner Freundin erzählt, liegt ein Lachen auf seinem Gesicht. Es ist eine Freude, ihn so zu sehen.

„Ich möchte, dass es die ganze Welt erfährt.“ Sagt er immer und immer wieder mit einem Lachen.

Er erzählt, wie seine engsten Freunde ihm sagen: „Mensch Klaus, Du bist ein ganz anderer Mensch.“ Wie ihn das freut, wie unglaublich glücklich er sich fühlt.

„Weißt Du. Ich habe 25 Jahre gewartet. Aber ich habe genau auf sie gewartet. Genau auf diese Frau.“

Wir schweigen und beobachten die Landschaft.
Es wird langsam dunkel. Die Bäume und Wiesen ziehen vorbei. Wir kommen weiter nach Norden. Fast schon Norddeutschland. Flache Wiesen, Wälder und Häuser aus rotem Klinker.

Plötzlich wendet er sich zu mir und meint: „Und? Was nimmst Du Dir daraus mit?“

Ich stutze. Bin überrascht. Leicht verwirrt. Habe das Gefühl, ihm mit meiner Antwort zu nahe zu treten.
Ich überlege. Fühle in mich hinein und sage:
„Nunja. Dass ich meinen Gefühlen folge.“

Er wendet sich ab. Ein leichtes Lächeln auf den Lippen.

„Weißt Du. Ich bereue nichts. Ich habe keinen Groll. Keine Wut. Auch meiner Frau werfe ich nichts vor. Sie ist ein guter Mensch. Es hat halt einfach so lange gedauert, wie es gedauert hat. Das einzige was ich mir wünsche ist, dass ich schon vor 25 Jahren diesen Schritt gewagt hätte. Das ist das einzige, was ich mir manchmal wünsche.“

Wir werden ernst. Blicken wieder aus dem Fenster. Die Sonne ist mittlerweile unter gegangen. Wir sehen nur noch die Silhouetten der Bäume gegen den dunkler werdenden Himmel.

Dann umspielt wieder dieses schelmische Grinsen seine Mundwinkel. „Meine Freundin holt mich vom Bahnhof ab. Ich bin so glücklich, ich könnte die ganze Welt umarmen.“

Über den Autor Matthias

Matthias ist Coach aus Leidenschaft, Gründer des Blogs Leben ist Leidenschaft und Veranstalter des online Selbstbewusstseinskongresses für Männer 2015. Nachdem Matthias jahrelang unter seiner Schüchternheit litt, fing er 2010 aktiv an, sich mit Persönlichkeitsentwicklung, Selbstbewusstseins und Authentizität zu beschäftigen. Seitdem verfolgt er seine Leidenschaft, besonders Männern aus ihrer Schüchternheit heraus zu helfen. Sie zu unterstützen auf der Suche nach ihrer angeborenen, inneren, männlichen Kraft.

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15 Kommentare
Jörg sagt 21. Dezember 2015

Toller Beitrag. Hat mich sehr berührt.

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Markus sagt 21. Dezember 2015

Eine tolle Geschichte – und wahrscheinlich können viele Menschen das Gefühl „funktionieren zu müssen“ nur allzu gut nachvollziehen,

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    Matthias sagt 22. Dezember 2015

    Danke. Ja. „Ich muss…“ ist wohl einer der stärksten Gedanken. Zumindest bei mir und in dem Umfeld aus dem ich komme.

    Antworten
Monika sagt 21. Dezember 2015

Lieber Matthias,
danke für dieses wunderbare Schreiben…
Es geht vielen Männern so und es sollten wirklich alle diese Geschichte erfahren.
Ich habe sie voller Spannung gelesen…
Danke :)
Herzliche Weihnachtsgrüße
Monika

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Florian sagt 21. Dezember 2015

DANKE Matthias, echt ein tolle Geschichte.
Wahnsinn wie Du schreiben kannst. Ich war so nah mit Dir in diesem Zug.
Wünsche Dir und Deiner Freundin schöne, besinnliche Weihnachten.
lg, flo

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    Matthias sagt 22. Dezember 2015

    Hi Flo. Besten Dank. Ja. hat mir richtig Spaß gemacht, hier davon zu berichten. Euch auch ein schönes Fest :)

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Klaus Hubert Kick sagt 21. Dezember 2015

Lieber Matthias,

ganz toll – ich bin 60 und gerade dabei mir solche Schritte in Richtung Freundin zu erlauben. Mein Leben verlief prinzipiell sehr ähnlich. Ich kann durch diesen Bericht schon das Gefühl spüren, das demnächst durch das Kennenlernen einer lieben Frau bei mir entstehen wird.
Herzlichen Dank und ein friedliches, frohes und besinnliches Weihnachtsfest
Klaus Hubert

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    Matthias sagt 22. Dezember 2015

    Hi Klaus, freut mich. Immer dem Herzen nach :)

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Joachim Schuster sagt 21. Dezember 2015

„Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht was Bess’res findet.“
(Wilhelm Busch)

Schöne Geschichte, vielen Dank. Eine Frau, die keine Kinder mag, wäre mir von Anfang an suspekt.

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thomas sagt 22. Dezember 2015

einfach wahr und phantastisch aber auch traurig. ich sehe schon 8 jahre wie sich meine nachbarn mit ihren frauen rumquälen. für mich auch nicht angenehm.

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Stefan Seidner sagt 22. Dezember 2015

Danke für diese tolle Geschichte. Sehr schön und mitreißend geschrieben.
Ich hatte aus deinem PDF einen Satz aufgeschrieben – er hängt jetzt an meiner Pinnwand und ich sehe ihn (immer) öfters.

Es sind nur 5 Worte, doch sie sind sehr mächtig: „Wie fühlst du dich gerade?“

Das passt ganz gut zu der Geschichte und deiner Erkenntnis daraus :)

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Klana sagt 22. Dezember 2015

Tolle Story Matthias und sehr spannend geschrieben!
Ich freue mich darauf, mehr von dir zu lesen.
Sonnige Grüße
Klana

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Martin sagt 22. Dezember 2015

Zu seinen Wünschen, Bedürfnissen und zu sich selbst stehen ist nicht immer so einfach. Schön ist es, wenn ich es noch in jungen Jahren mehr und mehr leben kann.
Bin zwar keine 70, wie Klaus, aber mit 53 Jahren kann ich auch noch einiges ändern. Das Leben entdecke ich gerade dabei erst wieder neu und probiere viel aus.
Viele Leute aus meinem Umfeld versuchen mir immer wieder die sogenannten Grenzen aufzuzeigen. Die für mich natürlich keine sind, da ich erst dieses und jenes durch Erfahrung austeste. Und merke, hey genau so will ich das in nächster Zeit machen oder so will ich leben. Fühlt sich gut an.
Und mit Verlaub, ich sch**ß ;-) drauf, wenn wieder mal ein „ja, aber…“ oder „nein, tut man nicht…“ daherkommt. Ist ja schließlich mein Leben und meine Erfahrung. Da kann keiner mitreden. Ist auch nur eine Meinung.
Gut dass Klaus dies nicht erst auf dem Sterbebett erkennen musste.
Ist für dich Matthias eine sehr große Bereicherung, so jemanden zu treffen, der seine Gedanken mit dir teilt.

Viele Grüße aus Bayern
Martin OF

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